Liebe ist Masochismus. Ihr Schrei, ihre Klage, die süße Unruhe, das Bangen der Liebenden, dieser Zustand der Erwartung, dieser latente, verhüllte, nur angedeutete Schmerz, die tausend Sorgen, wenn das geliebte Wesen fern ist, dieses Gefühl der Vergänglichkeit, der Reizbarkeit, die Launen, die Hirngespinste, die Kindereien, die seelische Folter, bei der die Eiltelkeit und die Eigenliebe ihre Rolle spielen, die Ehre, die Erziehung, die Scham, das Auf und Ab der nervlichen Anspannung, diese Schwärmerei, der Fetichismus, die grausame Wachheit der Sinne, die wühlen und schürfen, dieser tiefe Fall, die totale Entkräftung, die Entwürdigung, das ständige Verlieren und Wiedererobern der Persönlichkeit, dieses Gestammel, Worte, Sätze, der ewige Diminutiv, diese Vertraulichkeit, das Zögern bei jeder Berührung, dieses epileptische Zittern, die ständigen tausendmal wiederholten Rückfälle, diese ganze aufgepeitschte, immer heftiger werdende Leidenschaft, die um sich greift, eine Katastrophe, bis zur vollständigen Aufgabe, zur absoluten Vernichtung, der Seele, bis zur Erschlaffung aller Sinne, bis zur Erschöpfung des Marks, zur Leere des Gehirns, bis zur Taubheit des Herzens, dieser Drang zu vernichten, zu zerstören, zu verstümmeln, sich zu verströmen, dieses Bedürfnis nach Vergötterung, nach mystischer Verklärung, diese Ungestilltheit, die zu einer Überreizung der Schleimhäute, zu Geschmacksverirrungen, vasomotorischen oder peripheren Störungen führt und Eifersucht, Rachgier, Verbrechen, Lüge und Untreue auf den Plan ruft, dieser Götzendienst, die unheilbare Melancholie, die Apathie, das tiefe seelische Elend, der herzzerreißende, tödliche Verdacht, die Verzweiflung - all diese Stigmata, sind das nicht genau die Symptome der Liebe, nach denen man die Diagnose stellen und ohne weiteres das klinische Bild des Masochismus entwerfen kann?
- Blaise Cendrars. “Moloch”, S.65/66